Wie die Section Control unser Fahrverhalten beeinflusst und zur Vermeidung von Unfällen beitragen kann

Der Blitzer bekommt Konkurrenz: Section Control misst Tempoverstöße über längere Strecken. Und so funktioniert es.

31. August 2021
4 Minuten

Temposünder haben sie nicht gern: Radarkontrollen. Auch wenn diese Kontrollen erwiesenermaßen Unfälle vermeiden helfen und so Leben retten. Mit der „Section Control“ – auch Abschnittskontrolle oder Streckenradar genannt – wird nun in Deutschland eine Technologie genutzt, die das Tempo über eine längere Strecke misst und somit genauere Ergebnisse über Geschwindigkeitsverstöße erzielt. In mehreren europäischen Nachbarländern kommt sie schon seit Jahren zum Einsatz, vor allem auf Straßen mit hohen Unfallzahlen. Als erstes deutsches Bundesland hat sie Niedersachsen in den Regelbetrieb genommen.

Keine Ausreden mehr für Raser

Der Unterschied zur klassischen Radarfalle: Bei der Section Control wird die Geschwindigkeit nicht nur an einer einzelnen Stelle gemessen, sondern über einen längeren Streckenabschnitt, also über mehrere Kilometer. Ausreden wie „Ich war nur kurz zu schnell“ greifen dann nicht mehr. Auch kurz vor dem Blitzer auf die Bremse zu treten, um danach wieder zu beschleunigen, funktioniert bei der Section Control nicht.

Die Abschnittskontrolle erfasst, wie schnell jemand im Durchschnitt auf einem definierten Streckenabschnitt unterwegs war. Kurze Geschwindigkeitsübertretungen fallen nicht zwangsläufig ins Gewicht, weil die Durchschnittsgeschwindigkeit zählt, die über die gesamte Strecke gemessen wurde.

So funktioniert die Section Control

Hierzu wird bei der Section Control die durchschnittliche Geschwindigkeit zwischen zwei Messpunkten errechnet. Das heißt, beim Einfahren in die Abschnittskontrolle werden alle Fahrzeuge durch eine Heckfotografie erfasst und jeweils mit einem Zeitstempel versehen. Das Gleiche geschieht beim Verlassen des Abschnitts. Aus den beiden Zeitwerten wird automatisch die Durchschnittsgeschwindigkeit ermittelt. Liegt diese über dem Tempolimit, wird zur Identifizierung eine Frontaufnahme von Fahrzeug und Fahrer ausgelöst – und der Temposünder zur Kasse gebeten.

Dieses Schaubild zeigt, wie die Section Control funktioniert.


Selbstverständlich erfolgt der Einsatz der Section Control datenschutzkonform. Die Vorgaben dafür sind streng. Dazu gehört unter anderem, die Daten und Aufnahmen aller Fahrzeuge ohne Tempoüberschreitung sofort zu löschen und eine Identifizierung der Fahrer auszuschließen.

Erstmals in Deutschland eingesetzt wurde die Technologie Ende 2018 in einem Pilotprojekt auf der Bundesstraße 6 in Niedersachsen. Seit 2021 ist die Section Control auf dem 2,2 Kilometer langen Abschnitt zwischen Gleidingen und Laatzen bei Hannover im Regelbetrieb – nachdem sie einige juristische Hürden nehmen musste. So gab das Bundesverwaltungsgericht im September 2020 grünes Licht für die Technologie und beendete damit ein jahrelanges juristisches Tauziehen über Datenschutzfragen.

Weniger Tempo, weniger Tote

Die Auswertung des niedersächsischen Pilotprojekts hat gezeigt, wie effektiv Section Control sein kann. Schon während der Bauphase sorgte siefür einen harmonischeren Verkehrsfluss, d.h. ähnliche Geschwindigkeiten, weniger Abstandsfehler und Drängler. Vor allem aber führte die Abschnittskontrolle dazu, dass  deutlich mehr Autofahrer langsamer fuhren und sich an das Tempolimit von 100 km/h hielten. Lag die Durchschnittsgeschwindigkeit auf der Strecke vorher bei 105 km/h, fiel sie in der Testphase auf  95 km/h. Außerdem stieg der Anteil der Fahrer, die sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeitsbegrenzung hielten, um 40 Prozentpunkte. Im Vergleich zum herkömmlichen Blitzer kam es zudem zu signifikant weniger abrupten – und somit gefährlichen – Bremsmanövern, um einem Blitzerfoto gerade noch so zu entkommen.

Die Zahlen sprechen für sich: Während des gesamten Pilotprojekts wurden keinerlei Verkehrsunfälle gezählt. Und das auf einer Strecke, die zuvor für ihre Unfallhäufigkeit bekannt war und auf der zwischen 2014 und 2017 vier Menschen tödlich verunglückten.

Verkehrswissenschaftler gehen davon aus, dass die durchschnittliche Temporeduzierung von 105 auf 95 km/h dazu führt, dass 25 % weniger Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen. Erfahrungen in anderen Ländern wie in Österreich und in den Niederlanden bestätigen dies. Hier konnte die Zahl der Verkehrsunfälle dank Section Control drastisch reduziert werden.

Niedersachsen jedenfalls ist hochzufrieden und prüft bereits den Einsatz der Technologie auf weiteren Strecken.  Keine guten Zeiten für Raser – in Niedersachsen und bald vielleicht auch anderswo in Deutschland.

Bilder: imagoimages

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